#011 – Die Sage vom Köh­ler Jochem

Westfälische Rauchzeichen #011, Die Geschichte vom Köhler Jochem

Es trug sich zu einer Zeit zu, da die Wäl­der im West­fä­li­schen noch so dicht stan­den, dass das Son­nen­licht sich fürch­te­te, den Boden zu berüh­ren, und die Stil­le so schwer auf den Hügeln lag wie nas­ses Tuch. Auf einem hohen Kamm des Teu­to­bur­ger Wal­des saß ein ein­sa­mer Mann vor einem schwar­zen Hügel aus Erde und Holz. Es war ein Mei­ler, doch er spie kein Feu­er und warf kei­ne Fun­ken, er ruh­te wie ein schla­fen­des Tier unter sei­ner Decke aus Moos und Asche. Nur eine fei­ne Wär­me kroch über der Erde, als wür­de der Berg selbst im Schlaf ausatmen.

Der Mann, den sie im Dorf nur den „Stil­len Jochem“ nann­ten, hielt etwas zwi­schen den Fin­gern, das man in jenen Tagen nur sel­ten sah: Ein fest geroll­tes Bün­del aus dunk­len Blät­tern, so fest wie das Horn eines Och­sen und so duf­tend wie der Boden nach einem war­men Som­mer­re­gen. Es war sei­ne ein­zi­ge Gesell­schaft in der Nacht.

Er führ­te das Kraut zum Mund, und als er dar­an zog, erglüh­te die Spit­ze so hell und zor­nig rot, dass sein Schat­ten gegen die Stäm­me der Eichen gewor­fen wur­de. Er stieß den Rauch nicht aus, er ent­ließ ihn sanft in die Frei­heit. Und die­ser Rauch war anders als der Qualm des Hol­zes. Er war blau, schwer und sank nicht zu Boden, son­dern wob sich wie ein fei­nes Netz zwi­schen die Farnkräuter.

Da teil­te sich das Gebüsch. Ein Wolf trat her­vor, so groß, dass sein Rücken die unters­ten Zwei­ge streif­te. Sei­ne Augen waren rot wie glü­hen­de Koh­len, in denen das nack­te Ver­lan­gen nach Beu­te brannte.

„Tritt bei­sei­te, Köh­ler“, knurr­te das Tier, und sei­ne Stim­me klang wie zer­mah­le­ner Stein. „Der Hun­ger treibt mich ins Tal, und dei­ne Kno­chen sind mir zu alt und zu tro­cken. Lass mich passieren.“

Jochem schau­te den Wolf nicht an. Er betrach­te­te die wei­ße Asche an sei­ner Zigar­re, die so voll­kom­men und rein war wie das Gewis­sen eines Unschul­di­gen. Er nahm einen wei­te­ren Zug. Die Glut knis­ter­te lei­se im Takt sei­nes Herzschlags.

„Dat löppt sich fest“, sag­te er nur, so lei­se, dass man es kaum hören konnte.

Der Wolf fletsch­te die Zäh­ne und woll­te einen Satz nach vor­ne machen, doch als sein mas­si­ger Kör­per in den blau­en Zigar­ren­rauch ein­tauch­te, ver­lor die Bes­tie im Flug ihre Form, wur­de zu grau­em Gespinst und ver­weh­te ein­fach im küh­len Nacht­wind des west­fä­li­schen Tann.

Jochem beweg­te sich nicht. Er nahm einen wei­te­ren Zug, die Glut leuch­te­te ruhig auf. Er strich sich mit der frei­en Hand über den Bart. Er war kein Mann der gro­ßen Wor­te, er war ein Wäch­ter der Zeit. Sein Vater hat­te hier geses­sen, und des­sen Vater davor. Man nann­te sie Köh­ler, weil die Leu­te im Tal eine Erklä­rung für das Glim­men im Wald brauch­ten, aber eigent­lich hüte­ten sie die Gren­ze. Solan­ge der Tabak glüh­te und der Rauch den Kamm des Hügels ver­sie­gel­te, blieb das Unheil dort, wo es hin­ge­hör­te: im Schat­ten der Bäume.

Er prüf­te den Brand. Die Zigar­re brann­te gleich­mä­ßig. Das war wich­tig. Ein Schief­brand hät­te Löcher in den Wall geris­sen, durch die das Dunk­le ins Tal sickern konn­te wie Was­ser durch einen brü­chi­gen Deich.

Er blick­te nicht ein­mal auf, als der nächs­te Gast aus dem Schat­ten der uralten Eichen trat. Es war kein Tier dies­mal. Es war eine Frau in einem Kleid, das so weiß war, dass es im Dun­keln fast zu leuch­ten schien, doch ihre Füße berühr­ten das Moos nicht. Ihr Gesicht war schön, aber so starr wie die Mas­ke einer Toten.

„Köh­ler“, säu­sel­te sie, und ihre Stim­me klang wie der Wind, der durch ver­dorr­tes Laub fährt. „Mein Grab ist kalt. Lass mich hin­ab ins Dorf, damit ich mich am Herd­feu­er der Leben­den wär­men kann. Nur für eine Nacht.“

Sie trat einen Schritt näher. Der blaue Schlei­er der Zigar­re wall­te sanft um Jochems Knie. Die wei­ße Frau streck­te eine blei­che Hand aus, die Fin­ger lang und gierig.

Jochem schau­te auf die Asche an sei­ner Zigar­re. Sie hielt immer noch. Ein per­fek­ter Zylin­der aus grau­em Nichts.

„Wär­me is rela­tiv“, sag­te er tro­cken. „Und dat Feu­er im Dorf is für de Sup­pe, nich für de Gespenster.“

Die Frau bäum­te sich auf, ein Schat­ten­riss gegen die Schwär­ze des Wal­des, und fuhr auf ihn zu. Doch der Rauch fing auch sie wie ein unsicht­ba­res Netz. Sie ver­blass­te, wur­de zu wei­ßen Schlie­ren und ging im blau­en Dunst unter.

Wie­der kehr­te Ruhe ein. Nur das fer­ne Kla­gen einer Eule war zu hören.

Die Zigar­re war nun fast am Ende. Nur noch ein klei­ner Stum­pen glüh­te zwi­schen Jochems Fin­gern. Da trat die drit­te Gestalt aus dem Unter­holz. Es war ein klei­ner, buck­li­ger Mann in einem Gewand aus Pur­pur, der einen schwe­ren Beu­tel mit sich schleif­te. Er blieb genau an der Gren­ze des Rau­ches stehen.

„Guten Abend, Köh­ler“, krächz­te er und lach­te so schrill, dass die Blät­ter zit­ter­ten. „Du siehst müde aus. Dein Kraut ist fast ver­brannt. Ich bie­te dir die­sen Sack vol­ler Gold, wenn du mir nur einen ein­zi­gen Schritt Weg­brei­te gewährst. Ich will nur hin­ab, um den Men­schen ihre Träu­me zu stehlen.“

Jochem nahm einen letz­ten, tie­fen Zug. Er spür­te die Hit­ze der Glut schon an den Lippen.

„Gold kann man nich rau­chen“, sag­te er ruhig.

„Dann ver­brennst du eben selbst!“, schrie das Männ­lein und stampf­te mit dem Fuß so hart auf den Boden, dass die Erde beb­te. „Wenn das Feu­er aus ist, gehört der Wald mir!“

Jochem sah zu, wie der letz­te Rest des Tabaks zu grau­er Asche zer­fiel. Die Glut erlosch. Der blaue Schutz­wall begann, sich lang­sam im Wind zu ver­flüch­ti­gen. Das Männ­lein grins­te breit, die Zäh­ne wie klei­ne Dol­che, und woll­te loslaufen.

Doch Jochem stand nicht auf. Er griff lang­sam in sei­ne Brust­ta­sche, hol­te einen neu­en Tabak­wi­ckel her­vor und ent­zün­de­te ihn an der Rest­hit­ze des schwar­zen Mei­lers. Ein neu­er, kräf­ti­ger Schwall blau­en Rau­ches quoll her­vor und fes­tig­te die Mau­er, gera­de als das Männ­lein den Fuß heben wollte.

Das Wesen starr­te ihn ent­geis­tert an. „Wie vie­le hast du davon noch, Sterb­li­cher? Wie lan­ge willst du dem Schat­ten trotzen?“

Jochem blies den Rauch sacht in die Nacht­luft, der sich wie eine eiser­ne Ket­te vor dem Männ­lein schloss. Er rück­te sei­ne Schie­ber­müt­ze zurecht und sah nicht den Gnom an, son­dern das fer­ne Glim­men am Hori­zont, das den Mor­gen ankündigte.

„Solan­ge der Wald steht, sit­ze ich hier. Und bis die Son­ne den Schat­ten frisst, geht mei­ne Glut nicht aus“, sag­te er „Dat reicht.“

Das Männ­lein stieß einen Fluch aus, der wie bre­chen­des Glas klang, zer­platz­te vor Zorn in tau­send dunk­le Fun­ken und war nicht mehr gesehen.

Jochem blieb allein. Er genoss den neu­en, kräf­ti­gen Rauch, wäh­rend der Mei­ler hin­ter ihm lei­se knack­te, als wür­de er ihm zustim­men. Er blick­te hin­ab auf die schla­fen­den Höfe im Tal.

„Guter Brand“, mur­mel­te er und sah dem Rauch nach, bis er eins wur­de mit dem Nebel.