
Es trug sich zu einer Zeit zu, da die Wälder im Westfälischen noch so dicht standen, dass das Sonnenlicht sich fürchtete, den Boden zu berühren, und die Stille so schwer auf den Hügeln lag wie nasses Tuch. Auf einem hohen Kamm des Teutoburger Waldes saß ein einsamer Mann vor einem schwarzen Hügel aus Erde und Holz. Es war ein Meiler, doch er spie kein Feuer und warf keine Funken, er ruhte wie ein schlafendes Tier unter seiner Decke aus Moos und Asche. Nur eine feine Wärme kroch über der Erde, als würde der Berg selbst im Schlaf ausatmen.
Der Mann, den sie im Dorf nur den „Stillen Jochem“ nannten, hielt etwas zwischen den Fingern, das man in jenen Tagen nur selten sah: Ein fest gerolltes Bündel aus dunklen Blättern, so fest wie das Horn eines Ochsen und so duftend wie der Boden nach einem warmen Sommerregen. Es war seine einzige Gesellschaft in der Nacht.
Er führte das Kraut zum Mund, und als er daran zog, erglühte die Spitze so hell und zornig rot, dass sein Schatten gegen die Stämme der Eichen geworfen wurde. Er stieß den Rauch nicht aus, er entließ ihn sanft in die Freiheit. Und dieser Rauch war anders als der Qualm des Holzes. Er war blau, schwer und sank nicht zu Boden, sondern wob sich wie ein feines Netz zwischen die Farnkräuter.
Da teilte sich das Gebüsch. Ein Wolf trat hervor, so groß, dass sein Rücken die untersten Zweige streifte. Seine Augen waren rot wie glühende Kohlen, in denen das nackte Verlangen nach Beute brannte.
„Tritt beiseite, Köhler“, knurrte das Tier, und seine Stimme klang wie zermahlener Stein. „Der Hunger treibt mich ins Tal, und deine Knochen sind mir zu alt und zu trocken. Lass mich passieren.“
Jochem schaute den Wolf nicht an. Er betrachtete die weiße Asche an seiner Zigarre, die so vollkommen und rein war wie das Gewissen eines Unschuldigen. Er nahm einen weiteren Zug. Die Glut knisterte leise im Takt seines Herzschlags.
„Dat löppt sich fest“, sagte er nur, so leise, dass man es kaum hören konnte.
Der Wolf fletschte die Zähne und wollte einen Satz nach vorne machen, doch als sein massiger Körper in den blauen Zigarrenrauch eintauchte, verlor die Bestie im Flug ihre Form, wurde zu grauem Gespinst und verwehte einfach im kühlen Nachtwind des westfälischen Tann.
Jochem bewegte sich nicht. Er nahm einen weiteren Zug, die Glut leuchtete ruhig auf. Er strich sich mit der freien Hand über den Bart. Er war kein Mann der großen Worte, er war ein Wächter der Zeit. Sein Vater hatte hier gesessen, und dessen Vater davor. Man nannte sie Köhler, weil die Leute im Tal eine Erklärung für das Glimmen im Wald brauchten, aber eigentlich hüteten sie die Grenze. Solange der Tabak glühte und der Rauch den Kamm des Hügels versiegelte, blieb das Unheil dort, wo es hingehörte: im Schatten der Bäume.
Er prüfte den Brand. Die Zigarre brannte gleichmäßig. Das war wichtig. Ein Schiefbrand hätte Löcher in den Wall gerissen, durch die das Dunkle ins Tal sickern konnte wie Wasser durch einen brüchigen Deich.
Er blickte nicht einmal auf, als der nächste Gast aus dem Schatten der uralten Eichen trat. Es war kein Tier diesmal. Es war eine Frau in einem Kleid, das so weiß war, dass es im Dunkeln fast zu leuchten schien, doch ihre Füße berührten das Moos nicht. Ihr Gesicht war schön, aber so starr wie die Maske einer Toten.
„Köhler“, säuselte sie, und ihre Stimme klang wie der Wind, der durch verdorrtes Laub fährt. „Mein Grab ist kalt. Lass mich hinab ins Dorf, damit ich mich am Herdfeuer der Lebenden wärmen kann. Nur für eine Nacht.“
Sie trat einen Schritt näher. Der blaue Schleier der Zigarre wallte sanft um Jochems Knie. Die weiße Frau streckte eine bleiche Hand aus, die Finger lang und gierig.
Jochem schaute auf die Asche an seiner Zigarre. Sie hielt immer noch. Ein perfekter Zylinder aus grauem Nichts.
„Wärme is relativ“, sagte er trocken. „Und dat Feuer im Dorf is für de Suppe, nich für de Gespenster.“
Die Frau bäumte sich auf, ein Schattenriss gegen die Schwärze des Waldes, und fuhr auf ihn zu. Doch der Rauch fing auch sie wie ein unsichtbares Netz. Sie verblasste, wurde zu weißen Schlieren und ging im blauen Dunst unter.
Wieder kehrte Ruhe ein. Nur das ferne Klagen einer Eule war zu hören.
Die Zigarre war nun fast am Ende. Nur noch ein kleiner Stumpen glühte zwischen Jochems Fingern. Da trat die dritte Gestalt aus dem Unterholz. Es war ein kleiner, buckliger Mann in einem Gewand aus Purpur, der einen schweren Beutel mit sich schleifte. Er blieb genau an der Grenze des Rauches stehen.
„Guten Abend, Köhler“, krächzte er und lachte so schrill, dass die Blätter zitterten. „Du siehst müde aus. Dein Kraut ist fast verbrannt. Ich biete dir diesen Sack voller Gold, wenn du mir nur einen einzigen Schritt Wegbreite gewährst. Ich will nur hinab, um den Menschen ihre Träume zu stehlen.“
Jochem nahm einen letzten, tiefen Zug. Er spürte die Hitze der Glut schon an den Lippen.
„Gold kann man nich rauchen“, sagte er ruhig.
„Dann verbrennst du eben selbst!“, schrie das Männlein und stampfte mit dem Fuß so hart auf den Boden, dass die Erde bebte. „Wenn das Feuer aus ist, gehört der Wald mir!“
Jochem sah zu, wie der letzte Rest des Tabaks zu grauer Asche zerfiel. Die Glut erlosch. Der blaue Schutzwall begann, sich langsam im Wind zu verflüchtigen. Das Männlein grinste breit, die Zähne wie kleine Dolche, und wollte loslaufen.
Doch Jochem stand nicht auf. Er griff langsam in seine Brusttasche, holte einen neuen Tabakwickel hervor und entzündete ihn an der Resthitze des schwarzen Meilers. Ein neuer, kräftiger Schwall blauen Rauches quoll hervor und festigte die Mauer, gerade als das Männlein den Fuß heben wollte.
Das Wesen starrte ihn entgeistert an. „Wie viele hast du davon noch, Sterblicher? Wie lange willst du dem Schatten trotzen?“
Jochem blies den Rauch sacht in die Nachtluft, der sich wie eine eiserne Kette vor dem Männlein schloss. Er rückte seine Schiebermütze zurecht und sah nicht den Gnom an, sondern das ferne Glimmen am Horizont, das den Morgen ankündigte.
„Solange der Wald steht, sitze ich hier. Und bis die Sonne den Schatten frisst, geht meine Glut nicht aus“, sagte er „Dat reicht.“
Das Männlein stieß einen Fluch aus, der wie brechendes Glas klang, zerplatzte vor Zorn in tausend dunkle Funken und war nicht mehr gesehen.
Jochem blieb allein. Er genoss den neuen, kräftigen Rauch, während der Meiler hinter ihm leise knackte, als würde er ihm zustimmen. Er blickte hinab auf die schlafenden Höfe im Tal.
„Guter Brand“, murmelte er und sah dem Rauch nach, bis er eins wurde mit dem Nebel.