West­fä­li­sche Rauch­zei­chen #001

Zwei männer sitzen am Tresen einer Bar

Es saßen zwei Män­ner in einer Bar.
Der eine, ein Mann von Welt, schwelg­te in Erin­ne­run­gen. Er erzähl­te von einer beson­de­ren Zigar­re, die er einst rauch­te. Kom­po­niert aus dem erle­sens­ten Tabak. Hand­ge­rollt von einer lei­den­schaft­li­chen Lati­na mit schwar­zem Haar, ver­sie­gelt mit einem Kuss.
Er schwärm­te von der kari­bi­schen Bar, der lau­en Nacht, dem Rum in sei­nem Glas.

Der ande­re, ein ruhi­ger West­fa­le, hör­te zu.
Er sag­te nichts. Dann griff er in sei­ne Tasche, hol­te zwei Zigar­ren her­aus, leg­te eine vor den Mann und mein­te trocken:
„Hätt’ste mal zwei mitgenommen.“

West­fä­li­sche Rauch­zei­chen #002

Ein Mann sitzt in einem Sessel und raucht eine Zigarre

Er sitzt am Fens­ter, die Füße auf dem Hocker, die Zigar­re zwi­schen den Fingern.
Drau­ßen pras­selt der Regen gleich­mä­ßig gegen die Schei­be, der Him­mel ist grau, der Hof glänzt nass im trü­ben Licht.
In der Wohn­stu­be ist es gemüt­lich und warm, Zigar­ren­rauch zieht lang­sam zur Decke hoch.

Sei­ne Frau sitzt ihm gegen­über, mit einer Tas­se Tee, schaut ihn eine Wei­le an. Dann fragt sie: „Sach ma, wat is da eigent­lich so toll an dien Zigarre?“

Er nimmt einen Zug, schließt die Augen, pus­tet den Rauch lang­sam aus und sagt: „Dat man do nich bi prao­ten mutt.“

West­fä­li­sche Rauch­zei­chen #003

Zwei Männer beim AngelnZwei sit­zen schwei­gend am Teich.
Nur Regen. Und Zigarrenrauch.

Bei dem einen tut sich was an der Schnur. Er springt auf, kur­belt, rudert mit den Armen. Mit nas­sen Hän­den zieht er den Fisch aus dem Was­ser, hält ihn stolz in die Höhe.
„Guck dir dat an – wat’n Kaventsmann!“

Der ande­re sitzt wei­ter ruhig.
Kein Blick zum Fisch.
Er nimmt einen Zug.
Dann sagt er: „Kehr wat’n Stress.“

West­fä­li­sche Rauch­zei­chen #004

two men sitting on a bench smoking cigars

Zwei sit­zen nach der Beer­di­gung auf der Bank hin­ter der Kapel­le. Die Leu­te sind längst weg. Ein paar Krän­ze leh­nen am Grab­stein. Aus den Bäu­men kommt lei­ses Vogel­ge­zwit­scher. Der Geruch von Zigar­ren­rauch liegt in der Luft.

Der eine schaut gera­de­aus, nimmt einen Zug von sei­ner Zigar­re und sagt:
„Schon komisch, am Ende bleibt nur Asche übrig.“

Der ande­re zieht eben­falls.
Schaut auf die Glut.
Dann mur­melt er:
„Nur dumm, wenn die Glut ausgeht.“

West­fä­li­sche Rauch­zei­chen #005

Sonntagszigarre im Biergarten

Letz­tens Sonn­tag­nach­mit­tags im Bier­gar­ten. Ich sitz am Rand, unter ’nem alten Schirm.
Ein küh­les Bier, Zigar­re, und irgend­wo dudelt lei­se Musik aus einem Laut­spre­cher, der auch schon bes­se­re Tage gese­hen hat.

Zwei Tische wei­ter sitzt eine Mut­ter mit ihrem Knirps. Viel­leicht fünf.
Er jam­mert, for­dert, quen­gelt – der Kur­ze ist im Dauermodus.

Sie will eigent­lich nur in Ruhe ihren Kaf­fee trin­ken und ein biss­chen mit ihrer Freun­din reden.

Er darf auf ihrem Han­dy spie­len, bekommt Pom­mes, dann ein Eis – doch es hilft alles nix, an ein ruhi­ges Gespräch ist nicht zu denken.

Ich neh­me einen Zug, sehe dem Rauch hin­ter­her und den­ke nur: „Dat löppt sich noch aus.“

West­fä­li­sche Rauch­zei­chen #006

Neu­lich war ich mit’m Kum­pel in so ’ner Zigar­ren­lounge. Schick war’s. Leder, Holz, gedämpf­tes Licht. Hin­ten ein begeh­ba­rer Humi­dor, groß wie ’n Wohnzimmer.

Der Händ­ler war voll in sei­nem Ele­ment. Mach­te ne Kis­te auf wie’n Gold­schatz. Erzähl­te von kari­bi­scher Her­kunft, limi­tier­ter Auf­la­ge, beson­de­rem Deck­blatt und irgend­was mit Noten von Leder und Kakao.

Wir haben genickt. Ich hab „aha“ gesagt.
Er „sach bloß“.

Wir haben uns jeder eine genom­men, uns in einen Ses­sel gesetzt und angezündet.

Nach ein paar Minu­ten lehnt er sich lang­sam rüber und fragt:
„Was hat der jetzt eigent­lich gesagt?“

Ich nehm einen Zug, guck kurz rüber und sag:
„Dat dat ’ne lecke­re Zigar­re sein soll.“

West­fä­li­sche Rauch­zei­chen #007

Mei­ne Frau woll­te mal nach Spa­ni­en. Also hab ich ihr den Gefal­len getan. Irgend­wo in Anda­lu­si­en blieb sie an so ’nem Laden hän­gen – Töp­fer­wa­ren und Tapaszeugs.
Ich hat­te kei­ne Lust. Bin run­ter zum Dorf­platz, da war ’ne klei­ne Bode­ga. Zwei Tische drau­ßen, viel Son­ne, biss­chen Schat­ten. Ich hab mir ein Bier geholt, mich hin­ge­setzt und eine Zigar­re angezündet.

Nach ’ner Wei­le kam ein alter Spa­ni­er, son­nen­ge­gerb­te Haut, Stroh­hut. Setz­te sich an den Neben­tisch und zün­de­te sich auch eine an. Wir nick­ten uns zu, rauch­ten schwei­gend unse­re Zigar­ren und lie­ßen die Son­ne machen.

Irgend­wann grins­te er, zeig­te mit dem Dau­men Rich­tung Laden­zei­le und brumm­te auf Spa­nisch: „Cuan­do mi mujer va de com­pras, yo me escon­do aquí.“
Ich hab kein Wort ver­stan­den. Nur gelä­chelt und genickt.

Ich nahm noch einen Zug und dach­te „Wird schon stimmen.“

West­fä­li­sche Rauch­zei­chen #008

Sze­ne: Ein Geh­weg aus gro­bem Kopf­stein, irgend­wo in West­fa­len. Zwei Män­ner leh­nen an einer nied­ri­gen Zie­gel­mau­er. Der eine trägt einen abge­wetz­ten Man­tel, der ande­re eine Schie­ber­müt­ze. Einer raucht eine Zigar­re, der ande­re redet. Bei­de bli­cken ins Nichts.

Der Erzäh­ler (tritt aus dem Schat­ten, spricht sach­lich, fast mecha­nisch):
„Zwei Män­ner am Rand der Welt. Sie reden nicht mit­ein­an­der, son­dern durch sich hin­durch. Was sie sagen, ist Deckung. Was sie schwei­gen, ist das Eigentliche.“

Der Reden­de:
„Ges­tern wie­der Brot ohne Krus­te. Nur noch das, was übrig bleibt.“
(Pau­se.)
„Der Milch­mann war nicht da. Oder er war da und woll­te nicht klingeln.“

Der Rau­chen­de:
„Milch ist überbewertet.“

Der Reden­de:
„Sie sagen, das Gas kos­tet jetzt dop­pelt. Ich hab’s trotz­dem nicht bemerkt.
Es ist ein­fach nur kalt.“

Der Rau­chen­de:
„Wenn man sich nicht bewegt, friert man langsamer.“

Der Reden­de:
„Die Uhr in der Kir­che geht vor. Ich glau­be, absichtlich.“
(Blickt nicht rüber.)
„Kla­ra sagt, das sei ein Zeichen.“

Der Rau­chen­de:
„Viel­leicht geht auch die Zeit selbst vor.“
(Pau­se. Der Rau­chen­de schnippt Asche ab. Die Ges­te ist bedeu­tungs­los und end­gül­tig zugleich.)

Der Erzäh­ler:
„Was sie hier sehen, ist kein Gespräch. Es ist ein Pro­to­koll der Unru­he. Der eine redet, damit nicht auf­fällt, dass er nichts mehr glaubt. Der ande­re raucht, weil das Tun ohne Ant­wort die letz­te Wür­de ist.“

Ein lei­ser Wind.
Ein dump­fer Glockenschlag.
Asche fällt.